Orientierungslauf – High Tech im Wald?
Orientierungslauf – High Tech im Wald?
Dienstag, 07. März 2006
Orientierungsläufer sind scheinbar eine seltsame Spezies. Sie begeben sich für die Ausübung ihres Sports in ein Gebiet, das sie nicht kennen. Sie versuchen dort spezielle Orte in einer bestimmten Reihenfolge anzulaufen. Und sie verzichten dabei freiwillig auf die Segnungen der modernen Technik wie GPS, Höhenmesser, oder Peilsignale. Doch die Selbstbeschränkung täuscht. Denn hinter diesem Sport steckt um Einiges mehr High-Tech, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Sind Orientierungs-Sportler vielleicht rückständige Hinterwäldler, bei denen die Zeit stehen geblieben ist? Ein scharfer Blick auf die Details dieser faszinierenden Sportart belehrt selbst die ärgsten Zweifler schnell eines Besseren. Denn moderner Orientierungssport bedeutet hochpräzise Technik und Elektronik am letzten Stand.
Das beginnt bereits weit vor dem Wettkampf. Schon die Erstellung der Karten wäre ohne Computer heute kaum denkbar. Laufende Aktualisierung von Details wie verschiedene Dickicht-Arten, Bodenbewuchs, Steine oder umgestürzte Bäume, der Kartendruck durchaus einmal am Abend vor einer Veranstaltung – das alles wäre ohne elektronische Hilfe schwer möglich. Aber auch für die Teilnehmer gilt: Ausschreibung, Informationen über das Laufgebiet und Anmeldung via Internet sind eine Selbstverständlichkeit.
Im Wald selbst geht es in dieser Taktart weiter. Obwohl man natürlich mit handelsüblichem Gewand und einfachen Laufschuhen beginnen kann, stellt man bald fest: Laufdress ist nicht gleich Laufdress, Schuh nicht gleich Schuh und Kompass nicht gleich Kompass. Funktionskleidung, die im Wesentlichen aus Luft und Nichts besteht, ermöglicht im wahrsten Sinn des Wortes unbeschwertes Laufen auch bei stärkeren Wolkenbrüchen. Für die Schuhe gilt Ähnliches. Dünn und leicht wie Socken, dennoch robust gegenüber Stock und Stein und mit entsprechendem Halt auch an steilen Lehmabhängen, erfordern sie spezielles Know-how des Herstellers. Und was den Kompass anbelangt – wer einmal im Renntempo unterwegs ist, lernt die Vorzüge einer «schnellen Nadel» schätzen, die selbst nach abrupten Richtungsänderungen die Laufrichtung sofort wieder präzise anzeigt: Die besondere Lagerung der Nadel in Verbindung mit entsprechender geringer Viskosität der umgebenden Flüssigkeit macht es möglich.
Bei Zeitnehmung und Kontrolle ist wieder Elektronik gefragt. In Österreich wird dafür das «SPORTident»-System verwendet, bei dem der Läufer einen kleinen Stift mit einer weltweit einmaligen Kennzeichnung an den anzulaufenden Punkten in ein Lesegerät steckt. Dieses speichert zusammen mit der Uhrzeit die Nummer des Stifts, der Stift jene des Lesegeräts. Damit erhält jeder sobald er im Ziel ist, sofort seine End- und alle Zwischenzeiten, die zudem auf Knopfdruck in Echtzeit im Internet veröffentlicht werden können. Und meist schon am Abend nach dem Lauf stehen via Web sowohl die Ergebnisse, als auch unterschiedliche grafisch unterstützte Programme zur detaillierten Laufanalyse zur Verfügung.
Videowände, die im Zielraum ein Livebild aus dem Wald zeigen? In der Schweiz oder Skandinavien, wo Industrie und Handel das ungeheure Potential des O-Sports erkannt haben, gibt es das bereits. Zum Beispiel beim schwedischen O-Ringen, einem 5-Tage-Orientierungslauf mit rund 20.000 Teilnehmern. Oder bei der WM, wo man dazu die via GPS-Sender übertragene Position der Athleten auf einer elektronischen Karte mitverfolgen kann.
Zur Trainingssteuerung wird mittlerweile auch in Österreich Satellitentechnik eingesetzt. Der am Rücken des Läufers befestigte GPS-Recorder zeichnet dabei bis auf wenige Meter genau sämtliche Bewegungen auf. Im Anschluss wird diese elektronische Spur im Computer über die eingescannte Laufkarte gelegt und ermöglicht die exakte Analyse von Entscheidungsprozessen und Routenwahlen im direkten Vergleich.
© Florian Elstner (erschienen in «Laufsport Marathon», April 2006)
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