Jugendkader Austria: Neue Wege zum Erfolg.
Jugendkader Austria: Neue Wege zum Erfolg.
Dienstag, 30. Mai 2006
Orientierungslauf ist in Österreich derzeit eine Randsportart. Dass dies nicht unbedingt so bleiben muss, zeigen unsere Schweizer Nachbarn. Mit Beharrlichkeit sind sie zu einer der Top-Nationen im O-Sport aufgestiegen, inklusive entsprechender Begeisterung im Breitensport, beim Nachwuchs und gewaltigem Medieninteresse. Österreich hat jetzt mit einem neuen Jugend-Projekt die Weichen für eine ähnliche Zukunft gestellt.
Es hat sich Einiges getan im österreichischen Jugendkader. In nur einem knappen Jahr wurde ein schlankes Team von Top-Leuten für die Jugendarbeit begeistert und mit der Installation einer neuen Führungstroika in den Regionen Ost, West und Süd für effizientes Arbeiten mit verteilter Last gesorgt. Nun führen Roland Arbter (W, NÖ), Franz Helminger (OÖ, S, T, V) und Günter Kradischnig (B, K, St) gemeinsam das Team der Nachwuchshoffnungen im Österreichischen Orientierungslauf und sorgen unter anderem auch für die richtigen Verbindungen zu den fortführenden Unter 23- und Elite-Kadern.
Dort sitzen ja als Nationaltrainer der ehemalige Jugendkader-Leiter Markus Buchtele und der Schweizer Ulu Aeschlimann. Der, in seiner Heimat als 8-facher «WM-Goldmacher» der letzten Jahre gefeiert, hat schon Lucie Rothauer (vor ihrer Heirat besser bekannt als Lucie Böhm), die heute Vizepräsidentin für Leistungssport im Verband ist, 1997 auf dem Weg zu ihrem Weltmeistertitel begleitet. All diese Experten sind nun Teil eines umfassenden Konzepts für die Entwicklung des O-Sports in Österreich, das auf Grund der hohen Professionalität auch mit einem Sonderbudget der BSO unterstützt wird. Wer weiß, wie knapp heute die Mittel der öffentlichen Hand für Randsportarten gehalten werden, kann bereits erkennen, welche überzeugende Planungs-Leistung Roland, Franz und Günter im Vorfeld erbracht haben, um an diese Gelder überhaupt heranzukommen.
Breite Basis - starke Spitze.
Ist das nicht alles ein exklusiver Club für wenige Spitzensportler? Nicht für das neue österreichische Jugendkaderteam: Spitze und Breite lautet die Devise. Auf der einen Seite steht das klare Ziel, bis 2008 bei den internationalen Bewerben Top 6 Platzierungen im Jugend-, Junioren-, und Elite-Bereich zu erreichen. Auf der anderen Seite koordinierte österreichweite Breitenarbeit im Schulsport und damit die Begeisterung von möglichst vielen jungen Menschen für einen gesunden Bewegungsport, der Kopf und Körper gleichermaßen fordert und abseits des Leistungsgedankens auch einfach nur Spaß machen kann.
Die Grundsätze der Nachwuchsarbeit im österreichischen O-Sport heißen deswegen: Balance zwischen «Spitzenförderung» und «Rekrutierungsarbeit», vielfältige OL-Ausbildung im Jugendalter, verstärkte regionale Professionalisierung, sowie österreichweite Standards. Dazu zählt unter anderem ein mehrstufiges sportmedizinisches Konzept, das von allgemeinen Tests für die 13-jährigen bis zu internistischen und orthopädischen Checks, sowie Spiro-Ergometrie mit Laktatmessung für die 18-jährigen geht. Und ein Netzwerk an Betreuern sowohl auf der Kaderseite, als auch im Schulsportbereich, sowie in den Vereinen, deren professionelle Koordination sicher eine der Hauptaufgaben des Jugendteam-Führungstrios ist. Die Betreuungsstruktur sieht ein attraktives Basisprogramm an nationalen und internationalen Trainingslagern vor, das durch regionale und Vereinstrainingslager ergänzt wird und im besten Fall darin mündet, das jeder Jugendliche auch auf Vereinsebene seinen ständigen Coach als Ansprechpartner für Trainingspläne, Nachbesprechungen und mentale Unterstützung hat.
Kaum gesät, schon geerntet.
Die Leistungen der Jugendlichen zeigen schon jetzt, dass die Richtung passt. Sowohl bei der letztjährigen Jugend-EM, als auch bei der heurigen Schul-WM: Denn fast noch beeindruckender als die ansprechenden Einzelleistungen (2x Gold, 2x Silber) waren die Teamergebnisse. 19 Top-Ten Platzierungen in 7 von 8 Alters-Kategorien sprechen eine deutliche Sprache. Ob es in dieser Tonart weitergeht, und der Anschluss an die erweiterte Weltspitze vollzogen ist, wird von 29.6.-2.7. die Jugend-EM (www.eyoc2006.com) in Slowenien zeigen. Hier hängen die Trauben sicher etwas höher als in den letzten Jahren, nachdem die Schweden und Norweger eine Kursänderung in ihrer Jugendkaderpolitik vorgenommen haben und zumindest die Kategorien H/D 17-18 erstmals in voller Besetzung beschicken. Die schon in den letzten Jahren auch international konstant starken Läuferinnen und Läufer wie Ursula Kadan, Stephanie Killmann, Wolfgang Siegert, oder Christian Wartbichler geben jedenfalls trotzdem berechtigten Anlass zur Hoffnung und zeigen erfreulicherweise als jeweilige Vertreter der drei Jugendkader-Regionen Süd, Ost, und West, dass auch bei der Spitze die Breite stimmt.
Die Arbeit geht weiter - gezielt und professionell.
Was den österreichischen Youngsters zur absoluten Spitze noch fehlt, ist vermutlich die orientierungstechnische Sicherheit bei schwierigen, temporeichen Läufen und die mentale Stärke, das persönliche Leistungsvermögen auch unter hohem Druck abrufen zu können. Aber auch daran ist gedacht. Ein speziell auf den Orientierungslauf abgestimmtes sportpsychologisches Konzept der Universität Wien soll den mentalen Bereich weiter stärken, und ein internationales Sommer-Trainingslager in Skandinavien Sicherheit auf technisch anspruchsvollen Karten geben. Dort liegt mit der U-Tiomila als krönendem Abschluss der Fokus auch auf der Förderung von Gruppen- und Teambildung: je 10 Läuferinnen und Läufer in einer Staffel, die sich über etwa 50 km, ab 2 Uhr Früh rund 6 Stunden lang mit den weltbesten Jugendlichen messen, das schweißt zusammen!
Aber auch in der Breitenarbeit werden die vorhandenen Ressourcen optimal genutzt. Ein offenes Kadertrainingslager, das Ende August in Bad Leonfelden stattfinden wird, bietet allen Interessierten ein auf ihr Können abgestimmtes Programm. Es ist allerdings vor allem für viele junge Läuferinnen und Läufer, die den Sprung in den Kader aus Alters- oder Leistungsgründen noch nicht geschafft haben, ein erstes «Hineinschnuppern» in die Jugendteam-Atmosphäre und die Möglichkeit zum direkten Erfahrungsaustausch mit den jugendlichen Leistungsträgern, die dann von ihren noch ganz frischen Erfahrungen aus Skandinavien berichten können. Wie ernst der Kader diese Form der Breitenarbeit nimmt, zeigt jedenfalls auch die Teilnahme von ÖFOL-Nationaltrainer Ulu Aeschlimann. Von den Tipps und dem profunden Wissen eines der profiliertesten internationalen Orientierungslauf-Experten zu profitieren, ist ein Anreiz, der sicher nicht zufällig gesetzt wurde.
Das Jugendteam hat in den letzten Monaten durch konsequente Arbeit eine Aufbruchstimmung geschaffen, mit der die drei verantwortlichen Koordinatoren alle Mitstreiter angesteckt haben. »Es geht was weiter«, das spüren nicht nur dutzende Betreuer im ganzen Land, ohne die dieser Weg gar nicht möglich wäre, sondern in erster Linie die Hauptbetroffenen: Österreichs jugendliche Orientierungs-Läuferinnen und -Läufer. Ihnen wird vermittelt, dass sie selbst Verantwortung übernehmen müssen, es aber auch Spaß machen kann, diese Verantwortung zu tragen. Und an ihnen wird es letztendlich liegen, ob diese Geschichte wirklich eine Erfolgsgeschichte wird.
© Florian Elstner (erschienen in „Orientierung“, Juni 2006)
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