EYOC 2006 – ein Europameister als Auftrag.
EYOC 2006 – ein Europameister als Auftrag.
Mittwoch, 06. September 2006
Christian Wartbichler ist Europameister! Was bedeutet dieser Titel für die O-Sport-Nation Österreich? Alles und nichts, denn falsche Bescheidenheit ist ebenso fehl am Platz, wie Euphorie. Der Titel und die beiden Top-Ten Platzierungen von Ursi Kadan und Anna Elstner sind Bestätigung, Ansporn und ein weiterer klarer Hinweis darauf, dass die Jugendarbeit auf dem richtigen Weg ist. Für den breiten Anschluss an die Weltspitze wartet dennoch viel Arbeit.
Und die wird konsequent verfolgt. Sowohl von den Betreuern, als auch von den jugendlichen Sportlerinnen und Sportlern, denen Günter Kradischnig im Namen des Koordinatoren-Teams höchstes Lob zollt: «Was uns die Arbeit als Jugendbetreuer um vieles leichter macht, ist die hervorragende Einstellung aller Läuferinnen und Läufer. Besonders beeindruckt hat uns der große Einsatz auch nach Fehlern.» Doch davon später...
Zunächst zu den Details der EYOC 2006, die von 29.6. bis 2.7.2006 im slowenischen Škofja Loka ausgetragen wurde. Den Auftakt machte wie üblich der Sprint am Freitag, dem 30.6.2006, mit Bahnen, die einen typischen Stadt-Sprint mit interessantem Beginn am Burgberg von Škofja Loka, sowie einigen etwas kniffligen Routenwahlen hinunter in die Innenstadt boten. Sonst waren die Strecken, so wie es beim Sprint ja sein soll, technisch eher einfach gehalten, womit vor allem die athletische Komponente entscheidend war.
Die Klassik-Distanz wurde am Samstag, dem 1.7.2006 auf der Karte Rovtarica ausgetragen. Das Bergplateau war durch ein technisch anspruchsvolles, sehr detailreiches Gebiet gekennzeichnet, mit vielen Dolinen, sowie einem hohen Anteil von schlecht belaufbarem und dichtem Wald. Dem ersten Posten in sehr kurzer Distanz folgte auf allen Bahnen eine lange Teilstrecke, wo schon viel Zeit zu gewinnen oder verlieren war. Im Schlussabschnitt warteten dann einige Dickicht-Posten, bei denen auch das Glück ein wenig mitspielte.
Am Sonntag, dem 2.7.2006, fand dann zum Abschluss der Staffelbewerb auf der Karte Pevno statt. Die Läuferinnen und Läufer erwartete in allen Kategorien eine anspruchsvolle Bahn, bei der jeder zweite Posten gegabelt war und hohe Farne im Wald das Richtung halten erschwerten. In den meisten Fällen wären hier die Umlaufrouten die schnelleren gewesen, aber wer wagt schon im Wettkampf das «Packerl» zu verlassen? Für die H18 gab es dann auch noch einen Abstecher in den sehr grabenreichen West-Teil der Karte. Der schwierigste Abschnitt waren zweifelsohne die sehr feinen Posten nach dem Zuseher-Posten, wo einige Nationen eine gute Platzierung wieder verspielten. Für die dritten Läufer galt es dann schlussendlich, im Postenraum die richtigen Trampelpfade durch den «Farnwald» zu erwischen. Tragischste Figur bei der Staffel machten bei den älteren Burschen die erstmals angetretenen Schweden: Als vermeintlicher Sieger jubelnd eingelaufen - nach einer Fehlstempelung des Schlussläufers disqualifiziert.
Wie sieht nun die österreichische Bilanz dieser EYOC 2006 aus? Einerseits gab es grandiose Einzelleistungen und auch ein stark gehobenes Niveau der Gesamtleistungen. Denn neben Christian Wartbichler, der bei der Langdistanz in der H18 seine Sternstunde hatte, erliefen vier weitere Österreicherinnen Top 10 bis Top 20 Platzierungen, die vor ein paar Jahren in dieser Frequenz auch ohne einen Titel noch als großartiger Erfolg gefeiert worden wären: Bei den 18-jährigen Damen im Sprint Ursi Kadan als 7. («Ich bin mit meinem Lauf und dem Rang sehr zufrieden, lediglich eine schlechte Routenwahl bei der längsten Teilstrecke hat mich etwas Zeit gekostet.») und Steffi Killmann als 18. Bei den 16-jährigen Damen Anna Elstner als 10. auf der Langdistanz und 17. im Sprint, sowie Ulla Mayerhofer als 13. (Langdistanz).
Andererseits erlebte das Team auch Enttäuschungen und nicht ausgeschöpftes Potential. Einige Läuferinnen und Läufer hatten sich deutlich mehr erwartet, konnten aber nur auf Teilstrecken ihre Leistung bringen. Und auch mit der erwarteten Staffel-Platzierung unter den ersten sechs wurde es – sehr knapp – nichts. Teilweise zu hohes Risiko und mangelnde Routine im taktischen Bereich verhinderte bei allen vier Kategorien die drei nahezu fehlerfreien Läufe, welche ein österreichisches Team für eine internationale Top-Platzierung benötigen würde. Die Ränge 7, 9, 13 und 14 waren das Ergebnis.
Der Saldo? Mehr als positiv! Die österreichische OL-Jugend hat bewiesen, dass auch bei «Patzern» einzelner Läuferinnen und Läufer andere in der Lage sind, einzuspringen. Fast alle haben das Potential, international Top 20 Platzierungen zu erlaufen, in jeder der vier Alterskategorien gibt es welche, die auch eine Top 10 Platzierung schaffen können. In der Teamwertung liegt Österreich nach wie vor auf dem 10. Platz, allerdings mit deutlich geringerem Abstand zur Spitze. Und, am allerwichtigsten – das Leistungspotential bleibt nicht nur im theoretischen Bereich, sondern wird von Fall zu Fall schon optimal ausgenutzt, wie der EM-Titel von Christian Wartbichler zeigt.
Was fehlt also noch zum breiten Anschluss an die absolute Weltspitze im Jugendbereich? Die Kader-Verantwortlichen Roland Arbter, Franz Helminger und Günter Kradischnig, auch dieses Jahr bei der EYOC wieder durch Lucie Rothauer bestens unterstützt, wissen Bescheid: Verstärktes Techniktraining, noch mehr anspruchsvolle Läufe vor allem im Mitteldistanz-Bereich im österreichischen Veranstaltungskalender, Mentaltraining für den optimalen Leistungsabruf zur Stunde Null und erhöhte Beteiligung bei Wettkämpfen, wo auch die Top-Nationen starten, um im direkten Vergleich das Selbstvertrauen weiter zu fördern.
Hier zeigt sich die wahre Stärke des aktuellen Jugendteams, das sowohl weiß, den Kopf in den Himmel des Erfolgs zu recken, als auch gleichzeitig die Beine fest auf dem Boden der Realität zu behalten. Trotz Europameister-Titel waren die Staffel-Leistungen bei der EYOC zu schwach? Die Reaktion folgte auf dem Fuß: Ende Juli zwei Wochen gezieltes Trainingslager in Schweden mit der U-Tiomila, dem weltweit größten Nachwuchs-Staffelbewerb, als Abschluss - und eines der beiden Mädchenteams mit Stephanie Killmann, Elisa und Anna Elstner, Julia Bauer, Anja Arbter, Clarissa Kradischnig und Ursula Kadan belegte mit nur 3 Minuten Rückstand den hervorragenden 7. Platz, mitten in der Weltspitze. Aber auch alle anderen bewiesen ihr Können. Dazu noch einmal Günter Kradischnig: «Besonders eindrucksvoll war, dass mit einer Ausnahme alle 34 Österreicherinnen und Österreicher ohne großen Fehler ihre Teilstrecken absolvierten. So konnten unsere Teams eindrucksvoll auch in schwedischem Gelände mit den besten skandinavischen Staffeln mithalten.»
Hier wird nicht auf Lorbeeren ausgeruht, hier wird gearbeitet. Das ist wohl neben dem Europameistertitel der positivste Aspekt dieser EYOC 2006. Wir warten gespannt auf die Fortsetzung…
© Florian Elstner (erschienen in «Orientierung», September 2006)
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