Neuer Mut und frische Impulse …
Neuer Mut und frische Impulse …
Montag, 02. Juni 2008
…für Österreichs Damen Elite
Seit Beginn des Jahres dürfen sich Österreichs Elite-Damen nach langer Zeit wieder über eine eigene Trainerin freuen. Mit Gunnel Nilsson, die bereits vor einigen Jahren erfolgreich das Junioren-Team gecoacht hat, bekommt das junge Team ab sofort nicht nur eine erfahrene Spezialistin aus dem Mutterland des Orientierungslaufs, sondern auch höchste Motivation für neue Ziele, Freude am Laufen und Spitzenleistungen.
Grimstad/Norwegen, 1997: Lucie Böhm holt den ersten und bislang einzigen Weltmeistertitel für Österreich. Kiew/Ukraine, 2007: Frau Böhm heißt mittlerweile Rothauer und bei der WM ist nicht eine einzige österreichische Dame am Start. Viele in der österreichischen OL-Gemeinde haben dieses Faktum kaum registriert, oder es einfach beiläufig zur Kenntnis genommen. Viele, aber nicht alle. Besonders nicht eine „Grande Dame“ des Orienteering in unserem Lande, deren Wiege in der Heimat der Erfinder dieser Sportart stand. Für Gunnel Nilsson war spätestens zu diesem Zeitpunkt klar: Es muss sich etwas ändern. Und sie war bereit, auch selbst wieder Verantwortung zu übernehmen.
Gunnel Nilsson: Professionelle Einstellung und Einfühlungsvermögen.
Die erfolgreiche Langläuferin, die es als Juniorin bis unter die Top 6 in Schweden gebracht hat, hatte mit 25 ihr Sportstudium abgeschlossen und war dann Vereins- und Landestrainerin im Langlauf, sowie Ausbildnerin für Vereins- und Regionstrainer. Zum Orientierungslauf kam sie ursprünglich wegen des Querlaufens, das als Abwechslung in ihrem Trainingsprogramm eingebaut war. Nach Österreich übersiedelt, nutzte sie diese Fähigkeiten und Erfahrungen als Jugend- und Juniorencoach im ÖFOL und erinnert sich gerne an eine erfolgreiche Zeit: „Mit Wolfgang Pötsch, der für das technische Training verantwortlich war und Erich Simkovics habe ich bereits in meinen ersten Jahren in Österreich sehr erfolgreich gearbeitet. Die Ergebnisse damals bei der Junioren-EM in Ungarn, ein 4. Platz in der Herren-Staffel und viele gute Einzelergebnisse auch bei den Damen waren für mich, frisch aus Schweden kommend, irgendwie eine Selbstverständlichkeit. Wir haben dafür auch oft im Ausland trainiert, zum Beispiel in Italien, Ungarn, Tschechien, oder Schweden und es war eine sehr positive Stimmung in einer erfolgreichen Mannschaft.“ Seit Beginn des Jahres ist Gunnel Nilsson wieder Nationaltrainerin im ÖFOL. Als Damencoach konzentriert sie sich im Betreuerstab ab sofort ganz auf die Arbeit mit den Elitedamen der Kategorien D21E und D20E, also den Juniorinnen.
Wo liegt nun heute, 10 Jahre nach Grimstad, das Problem? Gibt es auf einmal zu wenig Damen, die leistungsfähig genug sind, um international ganz vorne mit zu laufen? Oder gibt es zu wenig Voraussetzungen, um Damen, die bereit wären, diese Leistung zu bringen, auch zu motivieren? Für die Herren im Lande ist das HLSZ Seebenstein seit längerem ein Sammel- und Integrationspunkt, der sowohl mit seiner technischen, als auch mit seiner personellen Ausstattung den jungen Läufern einiges zu bieten hat. Bei den Damen sah es da in den letzten Jahren eher finster aus. Jede mehr oder weniger auf sich alleine gestellt im Wald, kaum Unterstützung, kaum Motivation, keine gezielte Integration in einem gemeinsamen Team.
Aber wie wichtig ist überhaupt Teamgeist in einer Einzelkämpfersportart? Wer sich dafür interessiert mag zum Beispiel bei Alex Pointner, dem Cheftrainer der österreichischen Skispringer nachfragen. Auch die Herren Schlierenzauer, Morgenstern, Koch und Co. sind, wenn sie sich mit rund 100 km/h dem Schanzentisch nähern auf sich alleine gestellt und plötzlich sogar untereinander erbitterte Wettbewerber. Aber wer sich einmal die Bilder im Zielraum angesehen hat, wenn sie zu zweit oder dritt ihren Konkurrenten aus dem eigenen Lager erwarten und bejubeln, weiß, dass jungen Menschen das nicht zufällig machen, sondern weil erfolgreiche Trainer und Betreuer sich neben der körperlichen Fitness und Technik vor allem auch um Geist und Seele ihrer Athleten kümmern. Hier liegt auch der Hauptansatzpunkt von Gunnel Nilsson. Unterstützt von Nationaltrainer Agoston Dosek hat sie in ihrer Planung zwei Schwerpunkte gesetzt:
Warum Frauen anders trainieren müssen, als Männer.
Einer ist der Aufbau von Strukturen, die den Damen im Laufe der Jahre eine Art Trainings-Kompetenzzentrum als Pendant zu Seebenstein bieten soll, aber eben abgestimmt auf die speziellen Erfordernisse von Frauen im Leistungssport. Das diese nun einmal anders sind als jene von Männern, hat sich in vielen anderen Sportarten schon längst herumgesprochen. So wie man zum Beispiel im Mountainbike-Bereich mittlerweile erkannt hat, dass die Geometrie eines Damenrahmens etwas deutlich anderes ist, als nur ein „kleiner Männerrahmen“, soll auch beim OL in Zukunft mehr darauf geachtet werden, dass Trainings für Damen individuell gestaltet werden. Die Herrenstrecke mit „Abkürzen“ oder halt einem „großzügigeren“ Zeitlimit wird da sicher nicht reichen. Denn schließlich sollen unsere Elitedamen international erstklassige Frauen und nicht nur national zweitklassige Männer werden.
Der zweite Punkt betrifft die mentale Stärkung der Damen und der gezielte Aufbau eines größeren Teams, das trotz aller Konkurrenz bei Qualifikationen zu internationalen Bewerben miteinander die Freude am OL-Sport und die Lust an der Leistung erlebt, statt nur auf sich allein gestellt gegen die innere Schweinehündin zu kämpfen. Auch dazu hat Gunnel Nilsson ganz klare Vorstellungen: „Bei den Juniorinnen und vor allem bei der Elite international Top-Leistungen zu bringen ist schwerer, als bei den Jugendlichen. Hier zählt nicht mehr nur Talent sondern gezieltes, über mehrere Jahre im Umfang gesteigertes Training. Abwechslung in den Trainingsmethoden und Intensität ist gefragt, damit man nicht aus der Balance kommt. Dazu kommt natürlich die OL-Technik: dass man immer versucht sich weiter zu entwickeln. Man wird als Orientierungsläuferin nie fertig sein.“
Österreichs neue Trainerin hat dazu einen Aufgabenplan, den sie ohne Zwang mit ihrem Team verfolgen will: Dabei geht es ihr genauso um die richtige Einstellung („Freude haben, Selbstdisziplin und Organisationstalent, um Arbeit oder Studium, Sport und Familie unter einen Hut zu bringen“), als auch um Methodik („Viel Training über mehrere Jahre und durch Abwechslung das Verletzungsrisiko minimieren“). Die Läuferinnen sollen ohne Angst eigene Wege gehen können, auf ihre Stärken bauen, dabei stets neugierig bleiben und in dem Bestreben sich stetig zu verbessern, Herausforderungen suchen, an denen sie wachsen können. Dazu werden sie unter Federführung von Gunnel vom gesamten Trainerteam viel positive Motivation, Beratung und Unterstützung erhalten. Bereits der erste gemeinsame Frühjahrs-Trainingskurs in Orfü/Ungarn hat gezeigt: Dieser Weg stimmt. Die Damen zeigten sich begeistert und froh, mit ihr im Kader eine kompetente Ansprechpartnerin zu haben, die auch die weiblichen Seiten des Sports versteht.
Der Blick geht nach vorne.
Wer sind nun die acht Damen, die das Rückrat eines neuen österreichischen Damenteams bilden und was sind ihre nächsten Ziele? Bei der Elite Karin Leonhardt, Thea Lillehov, Ursula Polzer und Anita Seeböck, bei den Juniorinnen Elisa Elstner, Ursula Kadan, Stephanie Killmann und Carina Kradischnig. Für die Elite Damen geht es heuer erst einmal um gute Ergebnisse bei der WM in Olmütz. Klare Ziele, aber keine unerreichbaren, wie es Gunnel Nilsson formuliert. Für die österreichischen Damen heißt das im Jahr Null nach der letztjährigen WM ohne österreichische Damenbeteiligung: So viele Final-Qualifikationen wie möglich. Und alle vier Damen sind sich auch bei ihren individuellen Zielen einig in dieser Richtung. Auf dem Plan stehen Erhöhung der Laufgeschwindigkeit im Wettkampf, technisch konstante Leistungen, sowie kontinuierliche Reduktion des Rückstands auf die Weltspitze. Dafür sind sie auch bereit, hart zu trainieren. Die klare Vision im Kopf, ein Team, in dem sich alle gegenseitig unterstützen und eine Trainerin, die an ihre Mädels glaubt und ihnen den Rücken freihält, machen es möglich, neue, ungeahnte Kräfte zu mobilisieren.
Wie sieht es bei den Juniorinnen aus? Zwei, die bereits seit letztem Jahr im Kader sind und zwei die im Jugendbereich die nationale Szene in ihrer Altersklasse dominiert und auch schon international beachtliche Ergebnisse gebracht haben. An der Spitze Ursula Kadan, die in den letzten paar Jahren – angefangen mit zwei Top 6 Plätzen bei der EYOC 2004 bis hin zu zwei Top 20 Plätzen bei ihrer ersten JWOC letztes Jahr in Australien – schon bewiesen hat, welches Potential hier wartet. Angespornt durch diese Leistungen werden auch die anderen jungen Damen heuer bei der Junioren-WM in Göteborg zeigen wollen, was in ihnen steckt. Und vielleicht gelingt sogar das erträumte einstellige Ergebnis mit der Staffel, als deutliches Zeichen dafür, dass Österreich auch bei den Juniorinnen über ein schlagkräftiges Team verfügt.
So unterschiedlich wie die Damen, so unterschiedlich sind ihre persönlichen Ziele, die Art sie zu formulieren und sicher auch die Art sie zu verfolgen. Dennoch ist allen gemein, dass sie sich an die Spitze in der Damenelite vorarbeiten wollen und vielen der „Zug nach Skandinavien“. Das ist durchaus im Sinne der Trainerin: „Die Aufenthalte im Norden sind absolut notwendig. Nicht nur wegen des technisch anspruchsvollen Geländes sondern auch wegen der Trainingsgemeinschaften und Konkurrenz auf höchstem Niveau, um sich weiterzuentwickeln.“
Zuerst die Freude an der Vision, dann der Erfolg: Der Kopf steuert den Körper, nicht umgekehrt.
Um es kurz zu machen, die Steckbriefe hier zeigen, dass jede Individualistin bleiben und sie gemeinsam doch die Keimzelle eines neuen jungen Damenteams sein können, das all unsere Aufmerksamkeit und unsere Unterstützung verdient. Sie werden es uns danken - mit der Freude, die sie ausstrahlen und mit immer besseren Ergebnissen. Denn wenn wir ihnen vertrauen, helfen wir ihnen, sich selbst besser zu vertrauen.
Entscheidend ist gleichwohl auch nicht, ob es eine der acht Damen tatsächlich in den nächsten Jahren schafft, nach Lucie Rothauer eine weitere Goldmedaille für Österreich zu erlaufen. Entscheidend ist, dass hier und jetzt die historische Chance besteht, einen sicheren Hafen zu bauen, in den die kommenden Generationen einlaufen können. Einen Gipfel, den zu erreichen auch schon für 12-jährige Mädchen erstrebenswert scheint, der sowohl Mittelpunkt ihrer geheimen Wünsche und Träume sein kann, als auch die Gewissheit bietet, eine der attraktivsten „Lebenssportarten“ zu erlernen, die ihnen auch ohne sportliche Top-Erfolge Begleiterin bis ins hohe Alter sein wird. Es wäre schön, wenn wir diese Strukturen für die Damen bereits jetzt hätten, aber wie sagt ein altes chinesisches Sprichwort so schön: „Der beste Zeitpunkt einen Baum zu pflanzen ist vor 20 Jahren, der zweitbeste ist heute“.
Zum Abschluss, so wie zu Beginn noch eine Rückblende. Skövde/Schweden, 2006: Bei der U-Tiomila, dem weltweit größten Staffelbewerb für Nachwuchsläuferinnen läuft das Team Österreich 1, bestehend aus Stephanie Killmann, Elisa und Anna Elstner, Julia Bauer, Anja Arbter, Clarissa Kradischnig und Ursula Kadan mit nur drei Minuten Rückstand auf den 7. Platz, mitten in die Weltspitze der stärksten skandinavischen Läuferinnen. Drei davon sind bereits in Gunnel Nilssons neuem Team. Die anderen vier, die bereits seit Jahren im internationalen Jugendbereich immer wieder unter den Top Ten, wenn nicht sogar ganz an der Spitze zu finden sind, auf dem Sprung in den österreichischen Juniorenkader. Nach der gezielten erfolgreichen Aufbauarbeit in ihren Vereinen und dem österreichischen Jugendkader werden sie dann bei ihrer neuen Trainerin gut aufgehoben sein. Und vielleicht werden wir uns ja schon bald an das Jahr 2008 erinnern: Als im elften Jahr nach Grimstad 1997 der Grundstein für eine neue österreichische Erfolgsgeschichte im Damen-Elitesport gelegt wurde…
© Florian Elstner (erschienen in «Orientierung», Juni 2008)
Unternehmen > Publik > Neuer Mut und frische Impulse für Österreichs Damen Elite
Schieben nichts mehr auf die lange Bank:
Österreichs junge Elite-Damen zwischen 18 und 30 - der Schnitt liegt bei 22 Jahren.
marketing partner • elstner kg
A-5302 Henndorf, Drosselstr. 9a
fon +43 6214 7907 • fax 7907-1
mail marketing.partner@elstner.at
florian elstner © 2023