Mehr Orientierung durch Orienteering
Mehr Orientierung durch Orienteering
Montag, 29. September 2008
Neue Perspektiven für erfolgreiche Teamkommunikation durch paralleles Lernen auf unterschiedlichen Ebenen.
1.Einleitung
Welche interessanten Möglichkeiten die Sportart Orientierungslauf, die international unter dem Namen Orienteering bekannt ist, als Lerntool für Teams bietet, können seit 2003 die Studierenden des Studiengangs BWI an der Fachhochschule Salzburg erfahren. Sowohl Vollzeit-, als auch berufs-begleitende angehende Betriebswirtschafts- und Informationsmanagerinnen und -manager nehmen im Laufe ihres Studiums an einem Teamtraining teil, dessen Basis der Orientierungslauf ist. Nach mittlerweile fünf Jahren Erfahrung mit dieser in Österreich vermutlich einmaligen Unterrichtsform für Studierende beschäftigt sich der vorliegende Bericht mit den Hintergründen und Auswirkungen auf die Kommunikation in Teams.
Begonnen hat dieses Experiment im Jahre 2002 mit der Fragestellung, in welcher Form Studierenden im Fachbereich Human Resources Management Sozialkompetenz in Übungen nachhaltig vermittelt werden und gleichzeitig ein USP, also eine „Unique Selling Proposition“ für den Studiengang geschaffen werden kann, der BWI deutlich von anderen Betriebswirtschaftsstudien differenziert. Eine erhöhte emotionale Bindung der Studierenden an die „Marke“ BWI wurde dabei als angenehmer, anzustrebender Nebeneffekt angesehen. Das „Pflichtenheft“ für diesen neuen Unterrichtsansatz umfasste deswegen unter anderem folgende, wesentliche Punkte:
•Konfrontation mit einer vollkommen neuen Aufgabe in neuer Situation.
•Gewohnte Handlungsmuster sollen nicht mehr funktionieren.
•Sog statt Druck, also: Wissen wollen, statt lernen müssen.
•Lernen mit allen Sinnen soll gefördert werden.
•Die soziale Komponente soll nicht zu kurz kommen
•Gleichwertige Stellung von Inhaltsvermittlung und Erlebnischarakter
In vier Abschnitten soll nun kurz erklärt werden, was Orienteering ist, welche Vorteile diese Sportart als Basis für ein Teamtraining bietet, wie sich der konkrete Ablauf dieses Trainings an der Fachhochschule Salzburg gestaltet und welche positiven Effekte und Nebeneffekte damit erzielt werden konnten und können.
2.Orienteering als Teamtraining
2.1 Was ist Orienteering?
Orienteering, auch Orientierungssport, oder kurz O-Sport genannt, wird als Ausdauersport im größten Stadion, das es gibt, ausgetragen: in der Natur. Der Orientierungs-Sportler führt seinen Wettkampf meist auf sich allein gestellt, mit Karte und Kompass gegen die Uhr. Er versucht dabei, in möglichst kurzer Zeit mit Hilfe einer Speziallandkarte und eines Kompasses in einem ihm unbe-kannten Gelände, etwa zehn bis zwanzig verschiedene Orte in einer bestimmten, vorgegebenen Reihenfolge aufzusuchen. Diese Orte, auch Posten genannt, sind mit einem rot-weißen Stoffschirm markiert und einer elektronischen Kontrolleinrichtung ausgestattet, die es dem Sportler erlauben zu beweisen, tatsächlich dort gewesen zu sein.
Es gibt vier von der International Orienteering Federation (IOF), dem internationalen Verband, anerkannte Formen des Orienteering. Die be-kannteste davon und zugleich Aushängeschild des Sports ist Foot Orienteering, im deutsch-sprachigen Raum besser bekannt unter dem Namen Orientierungslauf, oder kurz OL. Die weiteren Formen sind Ski Orienteering mit der Basissportart Skilanglauf, Mountainbike Orienteering mit der Basissportart Mountainbiken, sowie Trail Orienteering für Personen mit starker körperlicher Bewegungs-einschränkung. Je nach Orienteering-Form gibt es sowohl unterschiedliche Distanzen, als auch Spezialvarianten wie zum Beispiel Nacht-O, Staffel-O und Mannschafts-O.
Weil der Orientierungslauf auf einzigartige Weise mentale Fertigkeiten und physische Fähigkeiten verbindet, und in nahezu allen Altersklassen von neun bis neunundneunzig mit internationaler Vergleichsmöglichkeit betrieben wird, bezeichnet man ihn auch oft als „Denk-“ und „Familiensport“ (Bratt 2004, 8).
Was bringt die Menschen zum Orientierungslauf und was reizt sie daran? Wahrscheinlich ist es die richtige Mischung aus Frischluft mitten in der Natur, Abenteuer und dosiertem Nervenkitzel. Denn die Anlage der Läufe in Bahnen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade lässt alle Teilnehmer auf ihre Kosten kommen. Was für die einen das reine Zurechtfinden mit Karte und Kompass auf unbekanntem Terrain ist, bedeutet für die anderen „High-Speed-Downhill“ über Wurzeln, Steine und Unterholz, der so manchen Straßenläufer ob der dafür notwendigen Fußgeschicklichkeit vor Neid erblassen lässt. Vom bewegungsorientierten Wanderer bis zur „Adventure-Racerin“ erlebt so jeder seine ganz persönliche Herausforderung.
Im Grundschul- und Mittelschulbereich wird Orientierungslauf bereits in mehreren Ländern als Methode eingesetzt, die Geographie, Mathematik und Sport mit Freude am Lernen verbindet, sowie als Training für die Persönlichkeit bei Entscheidungsfreude, Eigenständigkeit, Handlungskompetenz und Durchhalte-vermögen anerkannt. Der Sport fördert Fußgeschicklichkeit und Bewegungsfreude, eignet sich zum Diskutieren genauso gut, wie zum Reflektieren, ist jedes Mal wieder neu und überraschend, im wahrsten Sinne des Wortes ohne besondere Ausrüstung kinderleicht auszuprobieren und mit etwa fünf bis sieben € Kostenaufwand pro Lauf und Teilnehmer vergleichsweise sehr günstig. In Österreich nützen deswegen auf Landesebene rund 1.000 Sportbegeisterte an etwa 30 Wochenenden im Jahr in mindestens 50 verschiedenen Orten bei bis zu 100 Läufen diese Gelegenheit. Verteilt auf die einzelnen Bundesländer und Bewerbe sind das insgesamt an die 10.000 Starts bei regionalen Orientierungsläufen pro Jahr.
2.2 Warum eignet sich Orienteering so gut als Basis für Teamtrainings?
Die besondere Eignung von Orientierungslauf als innovatives Management-Trainingstool ergibt sich schon durch die grundsätzliche Ausrichtung der Sportart: Menschen bewegen sich in einem ihnen noch unbekannten Gebiet, um bestimmte Ziele zu erreichen. Dafür gibt es immer mehrere Möglichkeiten und die Entscheidung für die optimalste erfolgt unter hohem Zeitdruck. Wer den Spagat zwischen ausgereifter Entscheidung und rascher, konsequenter Umsetzung nicht schafft, muss seine Fehlentscheidungen unmittelbar selbst ausbaden. Inkonsequenz, Zaudern, Wechsel der einmal festgelegten Strategie während der Durchführung ohne Not – all diese fatalen Managementfehler führen auch beim Orientierungslauf zu Zeitverlusten.
Dazu kommen noch ein paar weitere, interessante Parallelen im Detail. So entspricht das Vorgeben von Zielen, ohne den Weg dorthin fixiert zu haben, ja tatsächlich der Methode „Management by Objectives“. Die Routenwahl ist also eine Managemententscheidung, bei der auch darauf Rücksicht genommen werden muss, dass, abhängig von den mentalen und physischen Fähigkeiten, nicht jede Route für jeden gleich gut geeignet ist. Das lässt sich durchaus mit Führung vergleichen, wo ja ebenfalls nicht ein „optimaler“ Führungsstil für alle Menschen und Situationen passt. Auch die Tatsache, dass Fehler bei dieser Sportart selbst für mehrfache Weltmeister ganz normal sind, sollte als Lernthema nicht unterschätzt werden. Es geht also nicht darum, durch eine möglichst unbewegliche Haltung frei nach dem Motto „Wer nichts entscheidet, kann auch keine Fehlentscheidungen treffen“ zu handeln, sondern Fehler als normale Begleiterscheinung zu akzeptieren und eher danach zu streben, deren Quote und Ausmaß möglichst gering zu halten.
Ein wichtiger Aspekt dazu ist bei der Basissportart das Generalisieren und die Prioritätenplanung. Schnelle Routenwahl von einem Punkt zum nächsten bedeutet in der Praxis „Stop and Go“-Betrieb. Die längere Strecke, bis man sich dem anzulaufenden Punkt auf etwa 50-100 m genähert hat, gilt es, sich nicht von Details auf Karte und Gelände ablenken zu lassen. Richtung halten und „Vollgas geben“ bis zu einem vorher definierten, markanten Ablaufpunkt heißt hier die Devise. Das mag z.B. ein zu querender Bach, ein Waldrand oder eine Straße sein. Dort gilt es dann dafür eventuell sogar kurz zu stoppen und die letzten Meter bis zum tatsächlichen Zielpunkt mit Bedacht und sehr exakt anzugehen. Wer diese Vorgangsweise des rechtzeitigen Tempowechsels beherrscht, wer entscheiden kann, in welcher Phase Überblickswissen und wann Detailinformationen wichtig sind, hat unübersehbare Vorteile. Auch hier ist die Parallele zur Praxis des erfolgreichen Wirtschaftens evident.
2.3 Der konkrete Ablauf des Teamtrainings in vier Modulen
Das Teamtraining der Fachhochschul-Studierenden umfasst aber noch einiges mehr. Unter anderem einerseits, um die physische Komponente, die bei der Sportart doch sehr stark gefordert ist, nicht zu sehr zu forcieren, andererseits, um den so wichtigen Transfer zu gewährleisten, ohne den das Outdoor-Teamtraining nach den Erfahrungswerten der letzten Jahre wohl ein sozialer Erfolg wäre, den notwendigen inhaltlichen Lerneffekt aber vermissen ließe.
Die Rahmenbedingungen für das Training bilden sechs Teams (drei aus dem Vollzeit- und drei aus dem berufsbegleitenden Studium) mit jeweils etwa 15-20 Personen, die in Konkurrenz zueinander stehen. Diese bilden pro Team vier Staffeln zu drei bis fünf Personen, welche der Reihe nach die gestellten Aufgaben zu bewältigen haben. Es handelt sich beim Bewerb also um eine Kombination aus Mannschafts- und Vierer-Staffellauf, in dessen Verlauf vier Teilstrecken mit unterschiedlichem mentalen und physischen Schwierigkeitsgrad bewältigt werden müssen. (Dieser Faktor ist sehr wichtig, da sowohl auf die unterschiedliche physische und mentale Konstitution der Studierenden – vor allem, was den Orientierungssinn anbelangt – Rücksicht genommen wer-den, als auch der notwendige Planungsspielraum für den Einsatz der vorhandenen Ressourcen gegeben sein muss)
An bestimmten anzulaufenden Zielposten sind zusätzlich Fragen aus allen Fachgebieten des BWI-Studiums, wie z.B. Marketing, Unternehmensführung, Human Resources Management, Informationsmanagement, oder Entrepreneurship zu beantworten, die von den Fachbereichsleitern des Studiengangs erstellt werden. Falsche Antworten ziehen Folgelaufkarten mit zusätzlichen Anlaufpunkten nach sich, was bedeutet, dass sich je nach korrekter oder falscher Beantwortung der Frage auch die zu bewältigende Laufstrecke für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verkürzt oder verlängert. Als Vorinformation ist allen nur bekannt, dass es Frageposten geben wird. Welches Fachgebiet aber wann und für welche Teilgruppe kommen wird bleibt jedoch offen und muss, so wie die Tatsache, dass auch die eine oder andere unerwartete „Überraschungsaufgabe“ im Rahmen des Bewerbs wartet, in der vorbereitende Planung so gut wie möglich berücksichtigt werden. Als Gesamtzielsetzung gilt für alle vereinbart: Das Team mit der insgesamt kürzesten Zeit und allen korrekt in der richtigen Reihenfolge angelaufenen Posten gewinnt.
Damit steht und fällt das Gesamtergebnis mit der optimalen Zusammensetzung der vier Kleingruppen entsprechend der vorhandenen Ressourcen. Das bedeutet, dass der Planungsphase und dem Team-bildungsprozess vor dem Bewerb eine mindestens ebenso hohe Bedeutung zukommt, wie der Nachbesprechung pro Team, bei der die Erlebnisse in der Gruppe aufgearbeitet werden.
Zu diesem Zweck gliedert sich das Teamtraining in vier geblockte, zeitlich voneinander getrennte Abschnitte, oder Module. Abgesehen vom Bewerb, an dem alle Teams gleichzeitig das Training bestreiten, finden alle Module getrennt für die einzelnen Teams statt.
Im Einführungsmodul werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der grundsätzlichen Aufgabenstellung vertraut gemacht. Es wird dazu die Grundsportart vorgestellt und der grob beschriebene Ablauf der Aufgabenstellung ohne nähere Details bekannt gegeben. Nach einem kurzen Informationsblock über allgemeine theoretische Grundlagen der Teambildung startet der reale Vorgang dazu wie folgt:
Der Gruppe wird die Verantwortung für die Gestaltung des Prozesses übergeben, der Trainer steht als Konsulent zur Verfügung und beantwortet Fragen. Es liegt an der Gruppe, diese zu stellen, wenn die Studierenden der Meinung sind, dass noch weitere Informationen benötigt werden, um das Team für die Aufgabe optimal aufstellen zu können. Nicht gestellte Fragen werden konsequenterweise auch nicht beantwortet, was bedeutet, dass schon in dieser Phase strukturiert agierende Gruppen einen Vorteil haben können.
Von selbst interveniert der Trainer nur dann behutsam, wenn sich aufgrund des laufenden Prozesses eine tiefe Frustration bereits vorhersagen lässt. In diesem Fall wird den Teilnehmern während einer kurzen Unterbrechung ein „Spiegel“ zur Bewusstmachung des Geschehens vorgehalten, der erfahrungs-gemäß helfen kann, die Gruppe auf einen produktiven Weg zurückzuleiten.
Das zweite Modul dient dazu, den Teilnehmern im Gelände „Look and Feel“ des auf sie wartenden Bewerbs näher zu bringen. Ein kleiner Testlauf, der die Geschehnisse am „Wettkampftag“ simuliert, sowie einige grundlegende Übungen zum Thema Orientieren, Karten lesen und Umgang mit dem Kompass stehen auf dem Programm. Ergänzend werden auch nach Bedarf Teambildungs-Übungen aus dem Bereich handlungsorientiertes Lernen an-geboten und letztendlich die Gelegenheit für die Feinabstimmung des Teams inklusive einer Festlegung der endgültigen Aufstellung, wie die vier Staffelgruppen personell zusammengesetzt sein werden, welche Startreihen-folge gewünscht wird, beziehungsweise welche Strecken. Diese sind, wie oben beschrieben in unterschiedliche Schwierigkeitsgrade gegliedert, sodass die Teams ihre Ressourcen genau darauf abstimmen können. In dieser Phase zeigt sich sehr klar, welche Gruppen das Vorbereitungspotential durch effiziente Planung, gemeinsame klare Zieldefinition, sowie Ausschöpfen der Informationsquellen nutzen und sich damit schon vor dem Start einen wesentlichen Vorsprung verschaffen können.
Das dritte Modul ist der eigentliche Bewerb, der wie bereits weiter oben beschrieben abläuft. In den letzten fünf Jahren wurde hier kontinuierlich verbessert. Eine Komprimierung beim Ablauf und eine stark verbesserte Logistik bei Frageposten und Laufkarten hat die Intensität für die Teilnehmer stark erhöht, sodass mittlerweile das ursprüngliche Ziel, Spaß am Training und Lerneffekt durch gelungenen Transfer gleichwertig zu halten, als erreicht gelten darf. Es hat sich in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass gerade der Wettbewerbscharakter zwischen den einzelnen Gruppen die Studierenden zu beeindruckenden Leistungen treibt. Und das ist durchaus nicht nur sportlich gemeint, sondern bezieht sich vor allem auf die Dinge, die es ja zu trainieren gilt. Gegenseitige Motivation, Aushelfen, wo andere Fehler machen, auch optisch als Team auftreten, seien nur einige Beispiele die hier beobachtet werden können und auch von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach der Veranstaltung als persönliche, starke Eindrücke genannt werden.
Ein wesentlicher, integrierter Bestandteil dieses dritten Abschnitts ist der soziale Abschluss am Abend der Veranstaltung. Hier dient eine kleine Siegerehrung als Rahmen für die viel wichtigere Möglichkeit, sich relativ kurz nach dem Bewerb gemeinsam mit allen anderen Teammitgliedern, aber auch den „Wettbewerbern“ an einen Tisch zu setzen und Erfahrungen austauschen zu können.
Dieser Form der noch unstrukturierten Aufarbeitung folgt im vierten Modul die strukturierte Reflexion, die wieder getrennt pro Team durchgeführt wird. Wichtiges Element in diesem Prozessabschnitt ist zunächst eine detaillierte Darstellung durch den Trainer, der das Geschehen des Bewerbs aus der „Vogelperspektive“ zeigt. Aufgrund der elektronischen Erfassung kann hier dem gesamten Team auf der Laufkarte demonstriert werden, wer sich zu welcher Zeit wo aufgehalten hat, welche Zeitverluste wann und wodurch entstanden sind, etc. Dies ist dann der Auslöser für Aufarbeitung der positiven, aber auch negativen Erlebnisse der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die ganz zum Schluss der Veranstaltung in ein schriftliches 360º- Feedback münden, das vom Trainer ausgewertet und den Studierenden im Anschluss für eine Eigenbild/Fremdbild-Analyse ihrer persönlichen Teamfähigkeit zur Verfügung gestellt wird.
2.4 Positive Nebeneffekte: Jogging für das Gehirn
Einer der Ansatzpunkte für diese besondere Form der Wissensvermittlung ist das „bewegte“ Lernen der Erlebnispädagogik. Hierbei geht es vor allem darum, subjektive Herausforderungen für Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Trainings zu schaffen, die diese auf allen Ebenen und Sinnen ansprechen, sowie darüber hinaus eine hohe Attraktivität besitzen. Ein weiteres wesentliches Element ist die Reflexion des Erlebten und das Bewusstmachen von Lernprozessen durch die Auseinandersetzung damit. Oder auf einen Nenner gebracht:: Learning by doing combined with reflection (Priest/Gass 1997, 136). Das Bewegung auch eine Verbesserung im Lern-, Sozial- und Arbeitsverhalten mit sich bringt, wurde ja bereits unter anderem im so genannten Bad Homburger Schulprojekt nachgewiesen, wo eine höhere Leistungsfähigkeit auch im nicht-sportlichen Bereich nach Einführung eines täglichen Sportunterrichts im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne diesen festgestellt wurde. (Greier 2007, 65f.)
Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Effekt dieser Art des Teamtrainings liegt in der Tatsache, dass Bewegung die Neurogenese, also die Neubildung von Gehirnzellen stimuliert. Neurogenese im erwachsenen menschlichen zentralen Nervensystem galt bis vor etwa zehn bis 15 Jahren noch als eigentlich ausgeschlossen. Laut neueren Untersuchungen ist aber auch in hohem Alter die Vermehrung neuronaler Stammzellen und ihr Einwandern in Regionen, die aktuell besonders angeregt werden, möglich. Körperliches Training erhöht demnach die Produktionsrate neuer Gehirnzellen, während mentales Training signifikant deren Überlebensrate steigert, beziehungsweise die Neuanknüpfung dieser Zellen in bestehende neuronale Netzwerke beschleunigt. (Ernst et al. 2006, 84ff.; Wolf et al. 2006, 1314ff.) Aus der Sicht der meisten Studierenden mag das zwar nur ein kleiner Beitrag zu einem Langzeiteffekt sein, aber immerhin ein sehr nützlicher, der zunehmend auch die Medien beschäftigt, wie man den folgenden Zitaten entnehmen kann:
„One of the top ways to take care of your mind, it turns out, is to make sure your heart is performing at ist best. And there’s nothing like physical activity to promote cardiac fitness“ (Gorman 2006, 70)
„The researchers discovered that people doing modest but regular exercise were 30 to 40 percent less likely to develop dementia than nonexercisers. 15 minutes of walking, biking, or even streching, three times a week, cuts the risk of dementia by at least a third“ (Fischman 2006, 62)
„Exercise boosts mental powers,…a study found, that physical activity … can help rescue brain from mental decline“ (Economist 2005, 97)
3. Resümee
Der geneigte Leser mag sich fragen: „Ist das Ganze nicht sehr aufwändig?“. Die klare Antwort darauf lautet: „Ja“, aber das Ergebnis überwiegt bei weitem. Die Durchführung dieses Trainings steht unter dem Motto „Professionalität ist Kompetenz mit Liebe zum Detail“. Spitzenteams erreichen die Leistung, welche sie von durchschnittlich guten Teams unterscheidet, vor allem auch mit professioneller Organisation. Deswegen ist der professionelle Rahmen dieser Lehrveranstaltung extrem wichtig. Denn Wein zu predigen, um dann nur Wasser auszuschenken würde die Glaubwürdigkeit und den Lerneffekt stark vermindern und wäre damit kontraproduktiv. Zitate von Teilnehmerinnen und Teilnehmern bestätigen jedenfalls den Wert der Veranstaltung auch aus Sicht der Studierenden: „Tolle Kombination von Theorie und Praxis…“, „Kreativer Ansatz zur Wissensvermittlung!“ und „Für mich einer der wertvollsten Bestandteile im Curriculum des 4. Semesters…“ sind nur ein paar Statements aus den Evaluierungsbögen zu diesem Team-Training.
Zusammenfassend bedeutet dies, dass Teamtraining mit der Basis Orientierungslauf auf mehreren Ebenen funktioniert:. Physiologisch gesehen ermöglicht gerade die Form des „bewegten Lernens“ ein erhöhtes Aufnahmepotential des Lehrstoffs. Die besonderen Voraussetzungen der Sportart im Bereich Entscheidungsfindung unter Zeitdruck, sowie die Notwendigkeit der optimalen Ressourcen-Ausnutzung erfordern hohes Engagement aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Und nicht zuletzt verankert der soziale Aspekt des gemeinsamen „Abenteuers“ in der freien Natur die Lerninhalte positiv und nachhaltig.
Literatur
Bratt, Ian (2004): Orientierungslauf. Training, Technik, Wettkampf. Stuttgart: Pietsch, 8.
Economist (2005): Circuit training. In: Economist, 9/24/2005, Vol. 376, Issue, 97.
Ernst, C; Olson AK, Pinel JP, Lam RW, Christie BR (2006): Antidepressant effects of exercise: evidence for an adult-neurogenesis hypothesis?. J Psychiatry Neurosci 31 (2): 84-92.
Fischman, Josh E. (2006): An Anti-Alzheimer’s Workout. In: U.S. News & World Report, 2/20/2006, Vol. 140, Issue 6, 62.
Gorman, Christine (2006): Can you prevent Alzheimer’s desease? In: Time Canada, 1/16/2006, Vol. 167, Issue 3, 70-71.
Greier, Klaus (2007): Bewegte Schule. Purkersdorf: Verlag Brüder Hollinek, 65-66.
Priest, Simon & Gass, Michael A. (1997): Human Kinetics. Effective Leadership in Adventure Programming. University of New Hampshire, 136.
Wolf, SA; Kronenberg G, Lehmann K, Blankenship A, Overall R, Staufenbiel M, Kempermann G (2006): Cognitive and physical activity differently modulate disease progression in the amyloid precursor protein (APP)-23 model of Alzheimer's disease. Biol Psychiatry 60 (12): 1314-23.
© Florian Elstner (erschienen in: Siems, Florian/Brandstätter, Manfred/Gölzner, Herbert (Hrsg.): Anspruchsgruppen-orientierte Kommunikation – Neue Ansätze zu Kunden-, Mitarbeiter- und Unternehmenskommunikation, GWV, Wiesbaden 2008, S. 451ff.)
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