WOC 2009 oder „Wie fair ist OL?“
WOC 2009 oder „Wie fair ist OL?“
Montag, 28. September 2009
„Mittendrin statt nur dabei“, so könnte meine Perspektive zur heurigen Orientierungslauf-WM in Miskolc, Ungarn lauten. Ausgestattet mit diversen Presse-Berechtigungen hatte ich die Chance, Emotionen und Geschehnisse hautnah und unmittelbar zu erleben. Und abseits der normalen Ergebnislisten befasst sich dieser Bericht deswegen auch mit Gedanken über Fairness im Spitzensport. Von Florian Elstner
Bei der diesjährigen WM in Miskolc gab es Licht und Schattenseiten für das österreichische Team. Aber auch eine der kuriosesten StaffelEntscheidungen in der OL Geschichte. Und eben Geschehnisse, die es interessant erscheinen lassen, ein paar Worte zum Thema Fairness und Orientierungslauf zu verlieren. – Ist es fair, wenn Thierry Gueorgiou zum zweiten Mal in Folge statt einer Staffelmedaille nur aufmunternde Worte bekommt? Oder wenn die starken Schweizer mit ihrem StaffelGold nicht richtig glücklich sein können? Wenn Mats Haldin als Einzelkämpfer keine Medaille und Mikhail Mamleev mit Lokomotive Daniel Hubmann das erste Mal für Italien Edelmetall gewinnt? Oder wenn der NeoItaliener sein Bronze nicht in vollen Zügen genießen kann? Doch der Reihe nach.
Wo steht Österreich?
Das rein sportlichergebnisorientierte Geschehen nach Zahlen und Medaillen ist relativ schnell erzählt. Österreichs Läuferinnen und Läufer stehen derzeit im internationalen Mittelfeld. Mit ein paar starken Leistungen – z. B. AFinalQualifikation für zwei junge WMNeulinge – auf der einen Seite, aber auch Enttäuschungen – keine einzige FinalQualifikation bei der Langdistanz – pendelte sich das Gesamtergebnis bei einem Stand ein, wo sicher sowohl Sportler als auch Betreuer noch viel Arbeit vor sich sehen.
Die persönlichen Eindrücke aller österreichischen WMStarter und Trainer sind auf der ÖFOL Homepage nachzulesen. Die Außenperspektive sieht, kurz gesagt, so aus: Anita Seeböck, Thea Lillehov, Karin Leonhardt, Tobias Killmann und Christian Wartbichler blieben ihre Optimalziele, also die Finalqualifikation und dort ein gutes Rennen, verwehrt. Österreichs derzeit verlässlichster Athlet für TopErgebnisse, Gernot Kerschbaumer, schaffte aufgrundseines Levels, obwohl es nicht perfekt lief, achtbare Ergebnisse (sichere FinalQualifikationen und die Plätze 17./Mittel und 23./Sprint). Ursula Kadan legte bei ihrer WMPremiere eine Talentprobe ab (30./Sprint). Martin Binder (Sprint) und Wolfgang Siegert (Mittel) konnten sich jeweils über Finalqualifikationen freuen, im Finale selbst lief es dann nicht mehr so nach Wunsch.
Für Martin Binder gab es noch eine solide Leistung in der Staffel, wo er als Startläufer mit knapp drei Minuten Rückstand an 20. Stelle liegend Markus Lang ins Rennen schickte. Dieser, der unmittelbar nach einem schweren Sturz kurz vor dem Zuschauerposten beinahe benommen an mir vorbei taumelte, hat sich jedenfalls für seinen Kampfgeist und Einsatzwillen ein Sonderlob verdient. Angesichts seiner unter Schmerzen vollbrachten Laufleistung bis zur Übergabe an Gernot Kerschbaumer gewinnt der 13. Platz der Herren auch nach den Ereignissen an der Spitze (de facto Ausfall der vier besten Teams) doch ein anderes Gewicht.
Fairness im Sport
Damit sind wir mitten in den Geschehnissen einer der kuriosesten StaffelEntscheidungen der WMGeschichte, die neben dem LangdistanzFinale Anlass zu ein paar Gedanken über das Thema Fairness im OL sein sollen. Zunächst kurz die Fakten: Fairness ist, wie in vielen anderen Sportarten, auch beim Orientierungslauf in den Wettkampfstatuten festgeschrieben. Der gesamte Artikel 26 ist dem Thema gewidmet. Dennoch sind gerade die Paragraphen 1 bis 3, sowie 13 dieses Artikels bei der WM auf höchst interessante Art zur Anwendung oder eben nicht zur Anwendung gekommen. Hier der OriginalWortlaut:
26 Fair play
26.1 All persons taking part in an orienteering event shall behave with fairness and honesty. They shall have a
sporting attitude and a spirit of friendship ...
26.2 In an individual interval start race, competitors shall navigate and run through the terrain independently.
26.3 Except in the case of an accident, obtaining assistance from other runners or providing assistance to other
competitors during a competition is forbidden. It is the duty of all competitors to help injured runners.
26.13 The organiser must void a competition if at any point it becomes clear that circumstances have arisen which
make the competition unfair or dangerous for the competitors.
Nun zum Anlassfall Nummer 1, Staffel der Herren: Martin Johansson, Schlussläufer der Schweden, hatte sich von Platz vier bereits an die Spitze gekämpft, als sich plötzlich ein Ast zentimetertief in seinen Oberschenkel bohrte und er schwer verletzt liegen blieb. Seine Hilferufe hörte der zweitplatzierte Franzose Thierry Gueorgiou, der seinen Lauf sofort stoppte und auch den drittplatzierten Norweger Anders Nordberg herbeirief, als er realisierte, wie schwer die Verletzung war. Auch der Tscheche Michal Smola zögerte keine Sekunde, sein Rennen zu unterbrechen. Erst nachdem Johansson versorgt und auf dem Weg ins Krankenhaus war, beendeten die drei unter frenetischem Jubel und Applaus des Publikums ihren Lauf gemeinsam. Die Teams dahinter bekamen von dem Vorfall nichts weiter mit und so ging der Weltmeistertitel an die Schweiz, Silber an Russland und Bronze an Finnland.
Die Siegerehrung war dann eine eher traurige Angelegenheit: Eine kleine Ansprache und eine offizielle Ehrung der drei ehrenhaften Retter durch IOFPräsident Åke Jacobson, anschließend eine Medaillenübergabe ohne Podest, ohne Jubel und nur in die Hände der drei erstgewerteten Teams, sowie keine offizielle Ergebnisliste auf der IOFHomepage. „Nicht Fisch und nicht Fleisch“, wie sich auch Thierry Gueorgiou etwas enttäuscht äußerte. Haben hier die Verantwortlichen der IOF und der Veranstalter richtig gehandelt? Sie hätten nach Paragraph 13 das Rennen durchaus annullieren können.
Hilfeleistung – Pflicht oder Kür?
Wie sehr die aktive Verfolgung des Artikels 26 von den Athleten bewiesen wurde und wie sehr die IOF sich kleinmütig gezeigt hat, beweist auch Folgendes: Der Tscheche Michal Smola, als Dritter zum Unfallort gekommen, blieb trotz Aufforderung von Gueorgiou und Nordberg weiterzulaufen („Lauf, und du wirst Weltmeister!“) sofort stehen, um sich gemeinsam mit dem Franzosen um Martin Johansson zu kümmern, während Anders Nordberg ins Ziel lief, um Hilfe zu holen. Als die beiden Johansson langsam Richtung Straße trugen, sahen sie Matthias Merz und Andrey Khramov etwa 100 Meter von sich entfernt laufen, und es war ganz klar, dass die beiden keine Chance hatten, aus ihrer Position das Trio mit dem Verletzten zu sehen. Den Schweizern und Russen ist also nichts vorzuwerfen.
Resümee: Alle Läufer haben alles richtig gemacht. Wäre der Schweizer Merz statt Gueorgiou auf Johansson gestoßen und der Franzose später in der Entfernung vorbei gelaufen, hätte wohl das Ganze mit umgekehrten Vorzeichen genauso stattgefunden. Laut WO hätte auch kein Läufer die Möglichkeit gehabt, den Verletzten zu ignorieren (26.3). So hat, hart ausgedrückt, die IOF unter Missachtung von 26.13 weder den drei Rettern, die wirklich Sportsgeist gezeigt haben, noch den Medaillengewinnern, die ja keine Chance hatten, sie nicht zu gewinnen, einen Dienst erwiesen ...

Zusammenarbeit/Nachlaufen
Sprechen wir noch kurz über Artikel 26.2 (unabhängiges Orientieren). Ein Artikel, der in der Praxis kaum zu 100 Prozent umgesetzt werden kann. Was macht ein Läufer, der von einem anderen eingeholt wird und zum nächsten Posten dieselbe Routenwahl geplant hat? Absichtlich gegen sein besseres Wissen anders laufen?
Damit sind wir bei Anlassfall Nummer 2: Beim LangdistanzFinale hatte der Finne Mats Haldin mit der Startnummer 1 einen sehr guten Lauf. Dieser hätte auch im Vergleich zu einem starken Thierry Gueorgiou und einem überragenden Daniel Hubmann durchaus für Bronze gereicht. Doch Daniel Hubmann überholte den vier Minuten vor ihm gestarteten Mikhail Mamleev und dieser nutzte die Gunst der Stunde, um in dessen Windschatten Haldin noch zu überholen. Vielleicht hätte er sich im ZielInterview nicht gleich bei Daniel bedanken sollen.
Die Finnen legten jedenfalls Protest ein, der mit 3 zu 2 Stimmen abgelehnt wurde. Begründung: Es sei nicht evident, dass Mamleev von Hubmann geholfen wurde. Pikantes Detail am Rande: Bei den Damen war die Finnin Minna Kauppi über das Zusammentreffen mit Simone Niggli sicher auch nicht unglücklich. 11 Sekunden Vorsprung im Ziel auf Dana Brozkova bewahrten sie vor Blech.
Auch Thierry Gueorgiou hatte bei der Mitteldistanz zwei Mitläufer im Schlepptau. Und zwar so eindeutig, dass die beiden kurz vor dem Zuseherposten gemeinsam mit ihm an einem Busch vorbei runter vom Weg auf die holprige Wiese liefen. Eine Routenwahl, die im Verlauf des Rennens kein einziger anderer Läufer getroffen hatte.
Lösungsansätze in Sicht?
Was ist nun hier fair oder unfair? Die Entscheidung fällt nicht leicht. Wer würde einen Daniel oder einen Tero ignorieren? Und um mit ihnen gemeinsam über längere Strecken orientieren zu können, muss man schon selbst einiges draufhaben. Außerdem profitieren in manchen Fällen durchaus beide Läuferinnen oder Läufer im „Paket“. Am ehesten würden längere Startintervalle in Kombination mit mehreren effektiven Schmetterlingen das „Packbuilding“ Problem gar nicht erst aufkommen lassen. Also läge der Schwarze Peter wieder beim Veranstalter. Ob der geplante Versuch der Schweden, das Problem mit Zeitstrafen bei Zusammenarbeit in den Griff zu bekommen, eine Lösung ist, wird sich zeigen…
Ein paar Worte zur Organisation
Eine WM zu organisieren, ist sicher eine sehr aufwändige Angelegenheit. Die Ungarn bemühten sich sehr, konnten aber trotzdem nicht alle Teilnehmer zu 100 Prozent überzeugen. Zitat von Thierry Gueorgiou zur Staffelkarte: „Am Weg zum 5. Posten hatte ich alles unter Kontrolle. Es wäre aber netter gewesen, wenn ich dieselben Dinge gesehen hätte wie der Kartenzeichner. Ich stand dort mehr als zwei Minuten ohne Idee, wo ich den Posten suchen sollte – das erste Mal, dass ich so ein Gefühl während eines WMLaufs hatte.“
Die fotografierende Zunft war ebenfalls öfters unglücklich. VeranstalterPersonal, das beim Zieleinlauf oder beim Zuseherposten plötzlich zwischen einlaufenden Medaillengewinnern und langen Teleobjektiven auftauchte, war keine Seltenheit und brachte einige Pressevertreter zur Verzweiflung. Leider führte auch der neben der WM ausgetragene HungariaCup ein etwas stiefmütterliches Dasein; es war dort von der WMAtmosphäre nicht mehr viel zu spüren. Aber um beim Thema Fairness zu bleiben: Mehr als aufgewogen wurden diese kleinen Schnitzer durch sehr viel persönlichen Einsatz von einzelnen Mitgliedern des Veranstalterteams. Also alles in allem: Ungarn war eine Reise wert!
Die Schweiz ist klare Nr. 1
Das internationale Resümee dieser WM lautet: Die Schweiz ist OLNation Nummer 1. Ein Drittel aller Medaillen und die beiden eindrucksvollen Goldmedaillen in der Langdistanz von Daniel Hubmann und Simone Niggli zum Abschluss einer langen, harten WM sprechen eine klare Sprache. Bei den Herren verteidigten sowohl Hubmann als auch Gueorgiou und Khramov jeweils ihren Weltmeistertitel, bei den Damen schaffte es keine einzige. Daniel Hubmann war mit zweimal Gold, einmal Silber und einmal Bronze auch der beste Läufer, bei den Damen erwies sich die Norwegerin Marianne Andersen mit einmal Gold und zweimal Silber als Nummer 1.
Ergebnisse: http://live.woc2009.hu/
© Florian Elstner (erschienen in «Orientierung», September 2009)
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